p u r e – Arbeiten auf Papier

Ausstellungseröffnung Doris Scheuermann in der Galerie M.A.SH

Remagen, 13.Februar 2016
Doris Scheuermann zeigt uns heute in der M.A.SH. Galerie, ModernArtShowroom, ganz neue Arbeiten, die man so nicht erwartet hätte.

Früher hat sie in großen und kleinen Skulpturen und Objektbildern fröhliche und ironische Geschichten erzählt. Nun sind aus den Geschichten Fragen geworden. Die zuvor selbstverständliche Erzählfreude tritt zurück und ist neuem Nachdenken gewichen. Die sinnliche Sensibilität hat sich dabei noch gesteigert. Aber wir dürfen nicht mehr so sicher sein wie bisher, das was wir da sehen, 1:1 erkennen zu können.

Was sehen wir? Zunächst einmal sehr viel weniger auf diesen Arbeiten auf Papier und doch wird zugleich mehr von unserem Auge verlangt. Durch die Reduktion von Farbe und Formen stellen sich fast ungewollt ganz andere Sinnzusammenhänge ein, die uns aber bis zu den Grundlagen von Zeichnung und Ästhetik führen.

Neue Fragen stellen sich, wie vielleicht: Welche Bewegungsmuster gibt es? Was heißt eigentlich hängen, was heißt schweben? Oder aber: Wie zart kann ein Farbauftrag sein, bis er vergeht? Aber auch: Wo sind die Grenzen zwischen Bild und Skulptur? Wo sind hier überhaupt Skulpturen im Raum? Wir sehen drei Arbeiten auf Sockeln. Wir wissen hierbei auch kaum, was ist Zeichnung, was ist Fotografie? Beides scheint fast ineinander überzugehen. Doch dann fragen wir, um welche Motive geht es eigentlich? Diese aufstrebenden Linienbündel – im schnellen Blick von Seite ist es vielleicht ein Wald auf dem Kopf à la Baselitz? Stammen diese Motive hier aus der Welt der Fantasie oder aus unserer realen Umwelt oder vielleicht aus der Welt der Wissenschaft? Sie können sich vielseitigen Assoziationen hingeben.

Doris Scheuermann, die in Rothenburg ob der Tauber geboren ist, hat ihre eigene Fundgrube, die eng mit ihrer Biografie verbunden ist. Sie hat nämlich den Nachlass aus einem handwerklichen Betrieb ihres Vaters übernommen. Dazu zählen auch gummiartige Schnüre, die früher in die Fugen zwischen Linoleumplatten eingeschweißt wurden. Um nichts anderes handelt es sich hier. Diese hängenden Schnüre, die sich im Hängen leicht biegen und drehen, bekamen für die Künstlerin etwas erstaunlich Lebendiges. „Ich habe sie aufgehängt und habe gemerkt, dass es überhaupt nicht ästhetisch ist, wie sie fallen, dass das also letztlich unberechenbar bleibt“. Dass aber Ordnungen entstehen – jenseits aller gewollter Symmetrie, die man aber doch auch als Rhythmen bezeichnen kann, wenn man sich darauf einlässt, das hat sie beeindruckt. Sie hat zunächst verschiedene dichter gebündelte oder lockerere Hängungen mit dem Handy in Reihen fotografiert und empfand diese Lebendigkeit auf einmal als ein Erlebnis. Im Hängen bildeten die Schnüre eine Raumskulptur, oder besser gesagt, eine dreidimensionale Zeichnung im Raum, aber immer anders und nicht zu bändigen, also lebendig.

Daran knüpft die Künstlerin nun an, allerdings nicht, indem sie anfängt, das Gesehene nachzubilden. „Mir ging es nie darum, etwas abzubilden, sondern eher darum, das mit hineinzunehmen, was aus mir kommt, auch an Bewegung“, sagte sie mir. Lange hat sie nun diese seltsame Beweglichkeit mit äußerster Zartheit und Zurückhaltung zu erfassen gesucht, allein mit dem Pinselstrich, oder besser, mit dem Pinselabdruck, der die Pigmente feinst über das Papier verteilt, der kein Absetzen und Wieder-Ansetzen zulässt, kein Zittern und kein Nachziehen der feinen Pigmente der japanischen Tusche. So entsteht diese feine, hingehauchte Schwerelosigkeit. Es schien ihr, und es erscheint uns ebenso, dass sie mit diesen hochkonzentrierten Pinselzügen irgendetwas Authentisches getroffen hat, das zu den Dingen, aber ebenso auch zu ihr gehört, irgendetwas, das die Dinge mit der lebenden Person verbindet.

Dabei führt die Künstlerin den Pinsel von unten nach oben und jeder und jede kann nachvollziehen, wie die Farbe zusehends dünner wird und schließlich auf der Strecke bleibt. Bisweilen überlagern sich die Pinselzüge, der Arbeitsprozess wird völlig transparent und ablesbar. So geheimnisvoll das Ergebnis auf uns wirkt, ist es dennoch so, dass es eigentlich gar kein Geheimnis gibt. Denkt man sich in diesen Arbeitsprozess hinein, kann man sogar herausfinden, wo die Künstlerin außerhalb des Bildes mit ihrem Arbeitsprozess angefangen hat. Umgekehrt kann man sich vorstellen, dass manche dieser Pinselzüge über das weiße Blatt hinaus auch wieder in den Raum vordringen. Die bandartigen Motive aber haben aber zugleich auch etwas von einer fremden Welt, vielleicht unter Wasser, wo der Tang mit den Wellen schlingert oder auch unter der Erde, im Reich von Wurzeln und Gängen.

Schon Goethe hat ja in seinen Wahlverwandtschaften Parallelen gezogen zwischen dem Reich der Chemie und dem der Biologie und sie weiter geführt in den Bereich der menschlichen Beziehungen. In der Kunst können wir eben nicht anders, als das Objektive unserer Umwelt auf das subjektiv Menschliche zu übertragen und genau das macht das Staunen in der Kunst aus.

Über Doris Scheuermann subjektive Erfahrung, die wir auch meditativ nennen können, sagt sie im Vertrauen auf ihre Kreativität: „Ich muss nur warten können, immer wieder fängt etwas an.“ Und sie hat gewartet und nennt nun ihre Ausstellung „pure“ und wir sehen, dass sich das Wort „pure“ nicht nur auf den transparenten klaren Arbeitsprozess bezieht, sondern auch auf die lautere Haltung der Künstlerin. Und es geht darum, sich Zeit zu nehmen, die Welt in ihren Dingen und doch auch zugleich uns selber zu entdecken, statt beides (die Welt und uns) zu zumüllen mit unablässiger Aktion und Aktivität.

Meditativ und doch hoch konzentriert ist die Ruhe, die in der arbeitenden Hand liegt. Ein einziger nervöser Fahrer und das Bild ist futsch, denn korrigieren lässt sich gar nichts. In dieser Reduktion liegt zugleich die Entdeckung der Langsamkeit. Das Ziel ist Achtsamkeit und Sensibilität, bis sie zu einer Aura werden. Das überträgt sich auf den Betrachter, wenn er sich denn auch dafür Zeit nimmt.

Und wir sehen: Es kommt nicht darauf an, wie viel Farben man hat, wenn man mit so wenig einen solchen Reichtum an Nuancen von tiefem Schwarz bis zu einem Kaum – noch – Vorhandensein von Farbe schaffen kann.

Noch einmal anders wird ein fast naturgegebener Umgang mit der Farbe deutlich in der Reihe der Schwarz-Streifen mit dem plötzlich aufstrahlenden weißen Bildgrund mitten im Schwarz. Hier hatten sich Farbblasen gebildet, die noch nicht getrocknet waren und dann wieder reduktiv mit einem Wasserstrahl abgenommen wurden.

Und wir sehen, mit so wenigem, aber mit doch punktgenauem Eingreifen eine neue Kraft und Stimmigkeit zu erlangen, ist das Anliegen der Künstlerin, die nun neu – und ohne narrative Ablenkungen – die Grundlagen im Bereich der Kunst und Ästhetik austestet. Und wir sehen – auch die Kunst entwickelt sich immer weiter, manchmal fast unbemerkt, genau wie diese hauchdünn schwebenden Bänder und wie die Menschen, die sich damit befassen.

Heidrun Wirth