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von Herrn Clemens Klöckner MA. Kunsthistoriker Bonn
Einführung
in die Ausstellung „loop“ Kurfürstliches Gärtnerhaus November 2019

Wir stehen hier heute im Kurfürstlichen Gärtnerhaus inmitten einer Auswahl von Arbeiten, die Doris Scheuermann in den letzten zwei Jahren geschaffen hat. Es handelt sich um Zeichnungen unterschiedlichen Formats, gerahmt und ungerahmt, in Serien oder allein, deren Zusammenhang die Künstlerin durch den Ausstellungstitel LOOP herstellt. Doch was bedeutet LOOP überhaupt? Und was sagt uns dieser Begriff über Doris Scheuermanns Werk? Denkt man eine Weile über diesen Ausstellungstitel nach, so stellt sich schnell eine Fülle an Assoziationen ein.

Laut Englisch-Wörterbuch ist ein LOOP zunächst einmal eine Masche oder Schlaufe, Strippe oder Schlinge. Der Bezug zur Masche wird schnell offensichtlich, lässt man seinen Blick durch den Raum schweifen. Das gestrickte Objekt bildet häufig den Ausgangspunkt für Doris Scheuermanns Zeichnungen, aber nicht nur das. Strickgebilde aus ungewöhnlichen Materialien wie Draht oder Linoleumschnüren dienen bisweilen nicht nur als Grundlage für Zeichnungen, sondern bilden eigenständige Plastiken und Reliefs, welche die zweidimensionalen Blätter ergänzen.

Der Prozess des Strickens ist dabei ein LOOPEN in mehrfacher Hinsicht: die für das fertige Produkt vielfach benötigte Masche bedingt einen über einen langen Zeitraum wiederholten Bewegungsvorgang, der uns zu einer weiteren Bedeutungsebene des Wortes LOOP führt. Ein LOOP kann nämlich auch eine Schleife sein, im weiteren Sinne eine Endlos- oder Möbiusschleife. Doris Scheuermann reizte besonders, dass inmitten des Wortes zwei Os nebeneinander eine liegende 8 und damit optisch eben jenes Unendlichkeitssymbol ergeben, für welches das Wort selbst steht. Der LOOP erscheint hier also im Sinne von sequenzieller Wiederholung als künstlerisches Stilmittel, bei dem aus der andauernden Wiederholung und Aneinanderreihung von Maschen stets ein neues Ganzes entsteht – ganz so, wie sich aus dem Liniengewebe und den Überlagerungen in Scheuermanns Zeichnungen stets neue Konstellationen ergeben.

Serielles Arbeiten und Motivwiederholungen als künstlerisches Prinzip kennen wir nicht nur aus dem Bereich der Bildenden Künste, sondern auch – und dies eröffnet auf Doris Scheuermanns Werk besonders interessante Blickwinkel – aus der Musik. Bereits seit Ende der 1970er Jahre bilden insbesondere im Bereich des Rap und Hiphop repetitive, geLOOPte Rhythmussequenzen die Grundlage, auf der die Künstler sich bewegen und ihre Songstrukturen aufbauen. Der LOOP ist der Nährboden, über dem sich ein neues Klanggebilde erheben kann, welches mit der oder sogar gegen die vorgegebene Struktur arbeitet und die ursprüngliche Klangschleife interpretiert und weiterentwickelt.

Vor allem in der zeitgenössischen Singer-Songwriter-Szene, aber auch im sogenannten Post-Rock, ermöglicht das sogenannte LIVE-LOOPING ein Arbeiten mit Wiederholungen des bisher gespielten, welches als Grundlage unter das fortgeführte Spiel gelegt wird. So schwebt etwa ein Gitarrenmotiv mittels eines sogenannten Delays, einer künstlichen Klangverzögerung, noch im Raum, über das dann neue Gitarrenrhythmen oder ein neues Solo gelegt werden können. Die Wiederholung sorgt dafür, dass sich das Motiv dem Hörer einprägt und führt durch die ständige Wiederholung womöglich sogar zu einer Art von meditativem Effekt. Gleichzeitig werden Zuhörende sensibel für minimalste Abweichungen vom Motiv. Sie beobachten vor dem inneren Auge, wie sich die Schichtungen nach und nach aufbauen und wieder verklingen, wie verschiedene Klänge zu neuen verschmelzen.

Diese Form der Schichtung, des Übereinanderlegens verschiedener Ebenen, entspricht unmittelbar dem Arbeitsprozess von Doris Scheuermann, dem ein repetitives, bisweilen meditatives Element innewohnt, welches im künstlerischen Endprodukt ablesbar wird. Denn dies ist zuallererst das, was wir hier sehen: Spuren eines Prozesses, in dem Farbe aufgetragen wird, trocknet und wieder abgewaschen wird, nur um auf den Spuren des ersten Malvorganges eine neue Schicht aufzubauen. Es entstehen Ablagerungen, die von feinen Schleiern bis hin zu dichten, opaken Schichten reichen. Abnahmevorgänge kitzeln aus dem zunächst undurchdringlich tiefen Schwarz der Tusche Graustufen heraus oder führen bis hin zum Blütenweiß an den Stellen, an denen die Farbe vollständig wieder verschwindet. Hier bleibt jedoch der rahmende Umriss, die Leerstelle, die von ehemaliger Anwesenheit zeugt und ihre eigene Auslöschung in Erscheinung treten lässt.

Durch diese Schichtungen, Farbabstufungen und Schattenbildungen erlangen die Zeichnungen eine erstaunliche Räumlichkeit und Tiefe. Im Hinzufügen und Wegnehmen von Farbe als Material zeigt sich ein Verfahren, welches beinahe bildhauerische Qualität gewinnt; nicht umsonst verweist die Künstlerin selbst auf ihr besonderes Interesse an Haptik. Im Gegensatz zur Bildhauerei beschränkt sich Doris Scheuermann allerdings bewusst auf Papier und schwarze Farbe als Werkzeuge, befreit sich vom Ballast des Materials und erkundet in ihrer seriellen Arbeitsweise die Möglichkeiten des Mediums. Dies ermöglicht Ihr ein schnelles Arbeiten, welches den Zufall in die Planung mit einbezieht. Dabei entwickeln sich mit zunehmender Sicherheit auch die Formate weiter: waren es zuvor Blätter mit einer maximalen Größe von 70 x 100 cm, so sehen wir hier erstmals Formate bis hin zu 110 x 160 cm.

Abschließend sei zur Betrachtung der Werke noch eine Feststellung erlaubt, die bereits Goethe vor 200 Jahren in seiner „Italienischen Reise“ konstatierte: „Ein großes Hindernis der reinen Betrachtung und der unmittelbaren Einsicht sind die (meist unsinnigen) Gegenstände der Bilder“. Auch wenn sich das Zitat in diesem Falle auf italienische Barockmalerei bezog, so lässt sich sein Sinngehalt doch wunderbar auf zeitgenössische Werke übertragen. Denn auch hier ist bei der Betrachtung der ausschließliche Fokus auf das Wiedererkennen einer womöglich abgebildeten äußeren Realität nicht immer zielführend. Doris Scheuermanns Zeichnungen sind bis auf wenige Ausnahmen nicht mimetisch, sondern abstrakt im besten Sinne des Wortes. Sie abstrahieren in unterschiedlicher Intensität und entwickeln aus der konkreten Vorgabe ein Eigenleben. Das Objekt wandelt sich zum Vorwand und Ausgangspunkt für neue formale Experimente, es verschwindet im All-over der Farbverläufe, Texturen und Schichtungen.

Bei der Beschäftigung mit abstrakten Bildern geht es weniger um eine Illusion als um einen physischen Prozess. Dem Kunstwerk geht es weder primär um die Abbildung einer äußeren Realität, noch um die Ausbildung einer neuen, eigenen Realität. Es IST einfach und zeigt uns zu allererst seine eigenen Eigenschaften. Bei der Entdeckungsreise in die Tiefen der uns umgebenden Bilder und ihrer Eigenschaften wünsche Ich Ihnen allen viel Spaß und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.



von Dr. Barbara J. Scheuermann, Leitung grafische Sammlung Kunstmuseum Bonn
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nlässlich der Auszeichnung im Rahmen des Dr. Theobald-Simon-Preises 2019

„Doris Scheuermanns konsequente Reduktion der Bildmittel, der fast völlige Verzicht auf Farbe und ihre meditative Konzentration auf nur wenige Gesten und Motive haben die Jury überzeugt. Als Leiterin der Grafischen Sammlung des Kunstmuseum Bonn freue ich mich, dass wir ein Blatt aus der Serie pure für unsere Sammlung sichern können, das exemplarisch für die Poesie und konzeptionelle Strenge im Werk Scheuermanns steht und im besten Sinne uneindeutig ist.“



von Christina zu Mecklenburg, FEUILLETON, Bonner Generalanzeiger, November 2019 – Das Prinzip der Unendlichkeit

Ein einziges Motiv, gespiegelt in geradezu unzähligen Abwandlungen, Papier und schwarze Tusche; dies sind die puristischen Bausteine einer von Fantasie, ästhetischen Qualitäten und Assoziationsreichtum gespeisten Ausstellung; unter dem Motto „loop“ entwickelt Zeichnerin Doris Scheuermann ein in sich geschlossenes Ensemble von sehenswerten Bildarchitekturen, aufgestockt durch das patentenreife Unikat einer aus dunkelen Linoleumsträngen geflochtenen Schultertasche aus aktuellen Netzmusterlook.
Filigran oder markant konturierte Schlaufen, Schlingen, Schleifen, Ovale (Werktitel: „loop“) und die hierdurch entstehenden Öffnungen, Frei- und Hohlräumen (Werktitel: „between“) bilden den Humus für die spielerischen Loops der kürzlich mit dem Dr. Theobald-Simon Grafikpreis der GEDOK ausgezeichneten Künstlerin. Auf unterschiedlich zugeschnittenen Papierformaten entdeckt man bisweilen Vexierbilder gleichende Arbeiten, die etwa an Kirchen- oder Flugzeugfenster, Autospiegel, Dachluken, Bullaugen, Mosaike, vegetabile Ornamententik, mit Muschel behaftete Felsenriffs oder an Hausfassaden erinnern.



von Hanna Wellpott, Textauszug zu Werkreihe „between“ Juni 2018

In der Serie between verwebt Doris Scheuermann auf zeichnerische Art Linien zu Flächen wie Fäden zu Stoffen. Mit Tusche und Bleistift erkundet sie die Beschaffenheit von Geweben zwischen Reduktion und Komplexität, Verdichtung und Auflösung sowie Abbildung und Abstraktion. Sie spürt den Eigenschaften verschiedener Materialien nach, untersucht deren jeweilige Verknüpfungsmöglichkeiten und hinterfragt die Bedingungen für gleichzeitige Fragilität und Stabilität. Dabei ist die Substanz ebenso von Interesse wie die Zwischenräume. Die Zeichnungen wirken klar und verworren zugleich. Schwarze Linien auf weißem Papier – maximale Reduktion – formen sich zu Maschen und lassen ein unentwirrbares Netz entstehen – maximale Komplexität. Mal filigran und präzise suggerieren die Linien ein feines Gitter aus Draht, mal blass und auslaufend muten sie wie weiche Wollfäden an. Während sie sich an manchen Stellen zusammenziehen, scheinen sie sich an anderen Stellen zu öffnen. Aus der Dialektik zwischen Verdichtung und Auflösung ergeben sich einzigartige amorphe Muster, deren Irregularität durch die starke Vergrößerung offengelegt wird. So wird sichtbar, was meist nicht wahrgenommen wird. Die Flächen lösen sich auf, die Gewebe werden transparent und geben die Sicht frei auf das, was dahinter liegt. Der Blick stößt jedoch auf eine weiße Leere und wird so im gleichen Moment zurückgeworfen auf die Existenz des Zwischenraums selbst. Schließlich verschwimmt das Weiß des Papiers mit dem Weiß der Wand und ermöglicht die Ausweitung der sich scheinbar endlos wiederholenden Maschen auf den gesamten Raum.



von Dr. Heidrun Wirth, Kunsthistorikerin Bonn
Einführung „pure“ Galerie MASH Februar 2016

Doris Scheuermann zeigt uns heute in der M.A.SH. Galerie, ModernArtShowroom, bei Almuth Leib ganz neue Arbeiten, die man so nicht erwartet hätte. Früher hat sie in großen und kleinen Skulpturen und Objektbildern fröhliche und ironische Geschichten erzählt . Nun sind aus den Geschichten Fragen geworden. Die zuvor selbstverständliche Erzählfreude tritt zurück und ist neuem Nachdenken gewichen. Die sinnliche Sensibilität hat sich dabei noch gesteigert. Aber wir dürfen nicht mehr so sicher sein wie bis her, das was wir da sehen, 1:1 erkennen zu können.
Was sehen wir? Zunächst einmal sehr viel weniger auf diesen Arbeiten auf Papier und doch wird zugleich mehr von unserem Auge verlangt. Durch die Reduktion von Farbe und Formen stellen sich fast ungewollt ganz andere Sinnzusammenhänge ein, die uns aber bis zu den Grundlagen von Zeichnung und Ästhetik führen.
Neue Fragen stellen sich, wie vielleicht: Welche Bewegungsmuster gibt es? Was heißt eigentlich hängen, was heißt schweben? Oder aber: Wie zart kann ein Farbauftrag sein, bis er vergeht? Aber auch: Wo sind die Grenzen zwischen Bild und Skulptur? Wo sind hier überhaupt Skulpturen im Raum? Wir sehen drei Arbeiten auf Sockeln. Wir wissen hierbei auch kaum, was ist Zeichnung, was ist Fotografie? Beides scheint fast ineinander überzugehen. Doch dann fragen wir, um welche Motive geht es eigentlich? Diese aufstrebenden Linienbündel – im schnellen Blick von Seite ist es vielleicht ein Wald auf dem Kopf à la Baselitz? Stammen diese Motive hier aus der Welt der Fantasie oder aus unserer realen Umwelt oder vielleicht aus der Welt der Wissenschaft? Sie können sich vielseitigen Assoziationen hingeben.

Doris Scheuermann, die in Rothenburg ob der Tauber geboren ist, hat ihre eigene Fundgrube, die eng mit ihrer Biografie verbunden ist. Sie hat nämlich den Nachlass aus einem handwerklichen Betrieb ihres Vaters übernommen. Dazu zählen auch gummiartige Schnüre, die früher in die Fugen zwischen Linoleumplatten eingeschweißt wurden. Um nichts anderes handelt es sich hier. Diese hängenden Schnüre, die sich im Hängen leicht biegen und drehen, bekamen für die Künstlerin etwas erstaunlich Lebendiges. „Ich habe sie aufgehängt und habe gemerkt, dass es überhaupt nicht ästhetisch ist, wie sie fallen, dass das also letztlich unberechenbar bleibt“. Dass aber Ordnungen entstehen –jenseits aller gewollter Symmetrie, die man aber doch auch als Rhythmen bezeichnen kann, wenn man sich darauf einlässt, das hat sie beeindruckt. Sie hat zunächst verschiedene dichter gebündelte oder lockerere Hängungen mit dem Handy in Reihen fotografiert und empfand diese Lebendigkeit auf einmal als ein Erlebnis. Im Hängen bildeten die Schnüre eine Raumskulptur, oder besser gesagt, eine dreidimensionale Zeichnung im Raum, aber immer anders und nicht zu bändigen, also lebendig.

Daran knüpft die Künstlerin nun an, allerdings nicht, indem sie anfängt, das Gesehene nachzubilden. „Mir ging es nie darum, etwas abzubilden, sondern eher darum, das mit hineinzunehmen, was aus mir kommt, auch an Bewegung“, sagte sie mir. Lange hat sie nun diese seltsame Beweglichkeit mit äußerster Zartheit und Zurückhaltung zu erfassen gesucht, allein mit dem Pinselstrich, oder besser, mit dem Pinselabdruck, der die Pigmente feinst über das Papier verteilt, der kein Absetzen und Wieder-Ansetzen zulässt, kein Zittern und kein Nachziehen der feine Pigmente der japanischen Tusche. So entsteht diese feine, hingehauchte Schwerelosigkeit. Es schien ihr, und es erscheint uns ebenso, dass sie mit diesen hochkonzentrierten Pinselzügen irgendetwas Authentisches getroffen hat, das zu den Dingen, aber ebenso auch zu ihr gehört, irgendetwas, das die Dinge mit der lebenden Person verbindet.

Dabei führt die Künstlerin den Pinsel von unten nach oben und jeder und jede kann nachvollziehen, wie die Farbe zusehends dünner wird und schließlich auf der Strecke bleibt. Bisweilen überlagern sich die Pinselzüge, der Arbeitsprozess wird völlig transparent und ablesbar. So geheimnisvoll das Ergebnis auf uns wirkt, ist es dennoch so, dass es eigentlich gar kein Geheimnis gibt. Denkt man sich in diesen Arbeitsprozess hinein, kann man sogar herausfinden, wo die Künstlerin außerhalb des Bildes mit ihrem Arbeitsprozess angefangen hat. Umgekehrt kann man sich vorstellen, dass manche dieser Pinselzüge über das weiße Blatt hinaus auch wieder in den Raum vordringen. Die bandartigen Motive aber haben aber zugleich auch etwas von einer fremden Welt, vielleicht unter Wasser, wo der Tang mit den Wellen schlingert oder auch unter der Erde, im Reich von Wurzeln und Gängen.
Schon Goethe hat ja in seinen Wahlverwandtschaften Parallelen gezogen zwischen dem Reich der Chemie und dem der Biologie und sie weiter geführt in den Bereich der menschlichen Beziehungen. In der Kunst können wir eben nicht anders, als das Objektive unserer Umwelt auf das subjektiv Menschliche zu übertragen und genau das macht das Staunen in der Kunst aus.

Über Doris subjektive Erfahrung, die wir auch meditativ nennen können, sagt sie im Vertrauen auf ihre Kreativität: „Ich muss nur warten können, immer wieder fängt etwas an.“ Und sie hat gewartet und nennt nun ihre Ausstellung „pure“ und wir sehen, dass sich das Wort „pure“ nicht nur auf den transparenten klaren Arbeitsprozess bezieht, sondern auch auf die lautere Haltung der Künstlerin. Und es geht darum, sich Zeit zu nehmen, die Welt in ihren Dingen und doch auch zugleich uns selber zu entdecken, statt beides (die Welt und uns) zuzumüllen mit unablässiger Aktion und Aktivität.

Meditativ und doch hoch konzentriert ist die Ruhe, die in der arbeitenden Hand liegt. Ein einziger nervöser Fahrer und das Bild ist futsch, denn korrigieren lässt sich gar nichts. In dieser Reduktion liegt zugleich die Entdeckung der Langsamkeit. Das Ziel ist Achtsamkeit und Sensibilität, bis sie zu einer Aura werden. Das überträgt sich auf den Betrachter, wenn er sich denn auch dafür Zeit nimmt.

Und wir sehen: Es kommt nicht darauf an, wie viel Farben man hat, wenn man mit so wenig einen solchen Reichtum an Nuancen von tiefem Schwarz bis zu einem Kaum –noch- Vorhandensein von Farbe schaffen kann.

Noch einmal anders wird ein fast naturgegebener Umgang mit der Farbe deutlich in der Reihe der Schwarz-Streifen mit dem plötzlich aufstrahlenden weißen Bildgrund mitten im Schwarz. Hier hatten sich Farbblasen gebildet, die noch nicht getrocknet waren und dann wieder reduktiv mit einem Wasserstrahl abgenommen wurden.

Und wir sehen, mit so wenigem, aber mit doch punktgenauem Eingreifen eine neue Kraft und Stimmigkeit zu erlangen, ist das Anliegen der Künstlerin, die nun neu – und ohne narrative Ablenkungen- die Grundlagen im Bereich der Kunst und Ästhetik austestet. Und wir sehen – auch die Kunst entwickelt sich immer weiter, manchmal fast unbemerkt, genau wie diese hauchdünn schwebenden Bänder und wie die Menschen, die sich damit befassen.